2019-09-06

H.M. Drottningens tacktal vid mottagandet av Karl Kübelpriset i Bensheim den 6 september 2019

(Det talade ordet gäller)

Exzellenzen
Sehr geehrter Herr Wilkes
Sehr geehrte Frau Kübel
Lieber Herr Maffay
Liebe Festgäste,

Ich freue mich sehr, heute bei Ihnen in Bensheim zu sein. Ich bin stolz darauf, diesen renommierten Karl Kübel Preis entgegenzunehmen! Es ist schön, dass Sie die Arbeit der World Childhood Foundation auf diese Weise würdigen. Childhood und die Karl Kübel Stiftung haben Vieles gemeinsam: Der Preis wird heute zum 20. Mal vergeben, die von mir gegründete Stiftung feiert dieses Jahr 20 jähriges Bestehen! Und mehr noch, ich habe verstanden, dass für Ihre Stiftung heute ein ganz besonderer Tag ist, heute wäre Ihr Gründer, Karl Kübel, 110 Jahre alt geworden.

Uns verbindet ein wichtiges Anliegen, nämlich, dass Kinder sicher und ohne Gewalt und Vernachlässigung aufwachsen können. Und dass sie dabei von verantwortungsvollen Erwachsenen begleitet werden. Dieses Jahr begehen wir den 30. Jahrestag der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen. Sie definiert ein Leben für Kinder in einer Gesellschaft, die Gewalt und Vernachlässigung nicht toleriert. Die Realität sieht leider anders aus:

Im Juni diesen Jahres wurden die Zahlen kindlicher Gewaltopfer nach der Polizeilichen Kriminalstatistik 2018 in Deutschland veröffentlicht. Darin steht, dass jeden Tag 40 Kinder von sexueller Gewalt betroffen waren. Und das ist nur das Hellfeld. Die in der Polizeilichen Kriminalstatistik erfassten Fallzahlen zur Herstellung, zum Besitz und zur Verbreitung sogenannten kinderpornografischen Materials sind von 2018 auf 2019 um fast 15% gestiegen. Da nur ein kleiner Teil der Taten angezeigt wird, werden viele Taten statistisch nicht erfasst und bleiben im Dunkelfeld. Tatsächlich haben wir es mit einer ganz anderen Dimension zu tun: Die Weltgesundheitsorganisation geht für Deutschland von einer Million betroffener Mädchen und Jungen aus, die sexuelle Gewalt erlebt haben oder erleben. Das sind pro Schulklasse ein bis zwei betroffene Kinder.

Und an dieser erschreckenden Zahl wird sich so schnell auch nichts ändern, wenn wir Erwachsenen dieses Tabuthema nicht offen ansprechen, wenn wir nicht aufmerksam sind, Kinder ernst nehmen, ihnen zuhören und verantwortungsvoll handeln. Misshandlungen, sexuelle Übergriffe oder sexueller Missbrauch geschehen hinter verschlossenen Türen, in Familien, im Sport, auf Jugendfreizeiten, in der Kirche. Mitten unter uns, oft jahrelang.

Was können wir also tun, um das Leid erst gar nicht entstehen zu lassen, es zu lindern und zu beenden? Wir können eine Menge tun, darüber möchte ich Ihnen gerne berichten. 1999 habe ich die World Childhood Foundation in Deutschland, in Schweden, in Brasilien und in den USA gegründet. Ich wollte etwas Konkretes tun, das das Leben von Kindern hier und jetzt positiv beeinflussen würde. Und durch die Arbeit der World Childhood Foundation sehe ich heute viele Beispiele tatsächlichen Wandels, der durch engagierte Menschen an der Basis möglich wurde. Von Anfang an hat Childhood in innovative Lösungen und neue Methoden investiert und sich lokal engagierte Partner gesucht. Wir setzen dabei immer auf integrierte Lösungsansätze, denn es ist nachgewiesen, dass diese am wirksamsten sind, wenn es darum geht, Missbrauch vorzubeugen oder von Missbrauch betroffenen Kindern zu helfen.

So fördern wir ein Projekt in Berlin, das gemeinsam mit der Humboldt-Universität dafür sorgt, dass Lehramtsstudierende in Zukunft schon während des Studiums mit dem Thema „Trauma“ vertraut gemacht werden und lernen, betroffene Kinder in der Schule zu unterstützen.

Wir sensibilisieren in einem Projekt in Nürnberg junge ehrenamtliche Jugendleiter dafür, auf Jugendfreizeiten in geeigneter Weise mit dem Thema sexueller Missbrauch umzugehen und so ihre Schützlinge im Bedarfsfall zu unterstützen.

In einem Projekt in Bremen helfen wir unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, sich durch den Fußball in die Gesellschaft zu integrieren.

An der Universitätsklinik in Ulm ist mit unserer Hilfe ein Handbuch für Sozialpädagogen entstanden. Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge haben damit die Möglichkeit, ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten.

In einigen Ländern hat Childhood dabei geholfen, sog. Child Advocacy Centers zu etablieren, die in Skandinavien unter dem Begriff Barnahus bekannt sind. Dort werden Kinder, die Missbrauch erlebt haben, in einer sicheren Umgebung durch Personal aus der Medizin, der Polizei, der Justiz und dem Kinderschutz betreut. Ein wichtiges Prinzip des Barnahus ist es, dass das Kind seine Geschichte so selten wie möglich erzählen muss. In einer kinderfreundlichen Umgebung wird es von Menschen betreut, die dafür auch ausgebildet sind. Eine solche Zusammenarbeit qualifizierter Menschen stellt sicher, dass junge Missbrauchsopfer nicht retraumatisiert werden. Besonders freue ich mich darüber, dass wir gestern in Heidelberg das erste Childhood-Haus in Baden-Württemberg in Anlehnung an das Barnahus eröffnen konnten. Es ist das zweite dieser Art in Deutschland nach Leipzig, wo wir im vergangenen Jahr ein Childhood-Haus eröffnet haben.

Unser Ziel ist es nicht nur, viele solche Einrichtungen in Deutschland anzustossen. Wir halten es auch für notwendig, Studierende der Rechtswissenschaft schon während der Ausbildung für das Thema der kinderfreundlichen Justiz zu sensibilisieren. Daher wurde durch unsere Initiative an der juristischen Fakultät der Universität in Leipzig eine entsprechende Vorlesungsreihe begonnen. Wir hoffen, dass dieses gute Beispiel Schule macht! Gewalt und Missbrauch ist ein einschneidendes Ereignis im Leben eines Kindes und wir alle, Eltern, Ärzte, Sozialpädagogen, Therapeuten, die Polizei und Vertreter und Vertreterinnen der Justiz sind aufgefordert, zu handeln. Nur gemeinsam können wir das Leid der Kinder lindern und noch besser: gar nicht erst aufkommen lassen. Diese interdisziplinäre Herangehensweise verbindet uns mit dem Anliegen Karl Kübels, das heute in der Karl Kübel Stiftung umgesetzt wird.

Ich danke Ihnen für diese schöne Auszeichnung. Sie ist uns Ansporn, unseren vor 20 Jahren eingeschlagenen Weg weiterzugehen.

Vielen Dank!